Streuobstwiesen sind ein prägendes Element der hessischen Kulturlandschaft und ein lebendiges Zeugnis jahrhundertealter Tradition. Bereits vor rund 2.000 Jahren brachten die Römer den kultivierten Obstbau nach Mitteleuropa, woraus sich im Laufe der Zeit die charakteristischen Streuobstwiesen entwickelten. Diese alten Hochstamm-Obstbäume – vor allem Apfel, Birne, Kirsche und Pflaume – wurden ursprünglich an den Rändern von Dörfern, Feldwegen und Äckern gepflanzt. Ihre Erträge dienten der Selbstversorgung und waren eine wichtige Nahrungsquelle.
Im Mittelalter und besonders in der frühen Neuzeit wurden Streuobstwiesen in Hessen weiter ausgebaut und gepflegt. Klöster und Bauernhöfe waren die Hüter des Wissens um Anbau und Pflege. Die traditionelle Bewirtschaftung mit extensiver Wiesenpflege ermöglichte eine reiche Artenvielfalt und sicherte zugleich die Produktion von regionaltypischem Obst, das unter anderem für den berühmten hessischen Apfelwein genutzt wird.
Im 18. und 19. Jahrhundert gewann der Obstanbau für Hessen an wirtschaftlicher Bedeutung, begleitet von ersten landesherrlichen Fördermaßnahmen und der Dokumentation vieler lokaler Obstsorten. Die Streuobstwiesenkultur war tief in der Alltagskultur verwurzelt, geprägt von Sitte, Handwerk und Erntefesten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die traditionelle Nutzung vieler Streuobstwiesen durch Modernisierung und Flächenumwidmung unter Druck. Trotz Rückgangs sind die Streuobstwiesen als Symbol für regionale Identität und naturnahe Kulturlandschaft heute wieder stärker im Fokus von Naturschutz und Kulturpflege. Sie prägen nicht nur die Landschaft und das regionale Klima, sondern sind auch ein wichtiger Lebensraum für zahlreiche Arten und ein wertvolles Genreservoir alter Obstsorten.
In Hessen pflegen und bewahren heute engagierte Menschen diese einzigartige Kulturlandschaft sowohl aus persönlicher Überzeugung als auch im Rahmen von regionalen Initiativen. Die Streuobstwiesenkultur verbindet weiterhin Natur, Tradition und Genuss und bleibt ein wesentlicher Bestandteil des kulturellen Erbes Hessens.